Amalie Rehm

Steinheim

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Amalie ist in einem sehr christlichen Vaterhaus aufgewachsen, geboren ist sie am 5. März 1815 hier in Steinheim, ein kleines Dorf nördlich von Memmingen gelegen, mütterlicher und väterlicher Seite waren ihre Vorfahren Pfarrer.

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Ihre Vorfahren:

Ihr Vater: Michael Rehm, war zu dieser Zeit Pfarrer in Steinheim, Sohn von Johannes Rehm,
Pfarrer in der Kirche „Unser Frauen“ in Memmingen

Ihre Mutter: Elisabeth Zangmeister, Tochter von Johann Konrad Zangmeister, Dekan in Memmingen

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An diesem Taufbecken wurde Amalie getauft

Amalie ist die Älteste von 8 Geschwistern.

1816 wird ihr Vater als Diakon nach an St. Martin Memmingen berufen.
Umzug der Familie nach Memmingen.
1823 wird ihr Vater Stadtpfarrer,
1834 dann Dekan Nachfolger seines Schwiegervaters
gleichzeitig ist er – wie damals üblich - Schulinspektor.

Memmingen

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1821/22 besuchte Amalie die Töchterschule in Memmingen und zählte bis 1825/1827 stets zu den mit Buchpreisen ausgezeichneten Preisträgerinnen.
Unmittelbar danach schloss sich für sie ein Jahr Sonntagsschule an.

1832 stirbt ihre Mutter, von da an war es ihre Aufgabe mit Hilfe
ihrer 3 Jahren jüngeren Schwester Berta den umfangreichen Haushalt zu führen und sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern

Am 14.8.1842 „predigte nachmittags der verdiente und ausgezeichnete Basler-Missionar Zaremba (Basler-Missionsgesellschaft) bei vollstem Kirchenbesuch“, so die Chronik. Nach diesem Besuch – Amalie war gerade 27 Jahre alt – gründete sie mit gleichgesinnten Frauen den „Verein für christliche weiblicher Erziehung in den Heidenländern“

Es ging darum, für die Basler Mission Spendengelder zusammeln.
Jede Woche trafen sich die Frauen im Pfarrhaus ein, um zu singen, lesen und zu beten.
„Mit Lust und Liebe finden sich jede Woche einen Abend Frauen im Pfarrhaus ein.

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Caroline Reineck

1848 wurde aus Geldmittel der Memminger Wohltätigkeitstifung eine Kinderbewahranstalt ins Leben gerufen.
Nun gründeten Memminger Frauen mit Amalie Rehm und Caroline Rheineck den „Frauenverein zur Beförderung der Kleinkinderbewahranstalt“
Amalie nahm weiterhin lebhaften Anteil am kirchlichen Leben.
Auch sah sie die soziale Problematik in der Memminger Altstadt die Bausubstanz war feucht und damit ungesund,
die Armut, Arbeitslosigkeit und die hohe Kindersterblichkeit,
sowie die Perspektivlosigkeit der Frauen.

Neuendettelsau

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Über den Vikar Semm, der mit Pf. Löhe befreundet war, erfuhr sie in 1853 von den Vorbereitungen Pf. Löhes`s zur Gründung des„Lutherischen Vereins für weibliche Diakonie“. und der geeignete Frauen für die Leitung des geplanten Diakonissenhauses suchte.
Unter dem Dach eines Mutterhauses sollten zukunftslosen, allein-
stehenden Frauen als Diakonissen ausgebildet werden, um ihnen so eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ebenso sollte das Mutterhaus für behinderte Kinder ein neues Zuhause bieten, so Idee Löhe`s.
Tätige Nächstenliebe …… eine Abkehr vom Weltlichen…. Arbeit als Berufung
Auch ihre Freundin Karoline Rheineck,
die eine Ausbildung als Diakonisse bei Pf. Flieder in Kaiserwerth erhalten hatte, weilte bereits im Frühjahr 1853 in Neuendettelsau, auch sie erzählte Amalie von dem Lebensmodell Pf. Löhe`s.
Ebenso der Buchbindermeister Friedrich Dorn aus Memmingen, der Pfr. Löhe gut kannte, auch er empfahl Amalie für diesen Dienst.

Amalie war inzwischen 38 Jahre alt und hatte ihre wirkliche Berufung noch nicht gefunden.
Das Lebensmodell Pf. Löhe`s sprach sie an.
Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen?
Dem Herrn in seinen Elenden und Armen.
Und was ist mein Lohn?
Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe.
Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.

Nach einem Besuch im November 1853 mit ihrer Freundin Karoline Rheineck bei Pf. Löhe, waren Beide von den Gedanken und Ideen Pf. Löhe`s so beeindruckt, dass sie bei der Gründung
„Lutherische Verein für weibliche Diakonie in Bayern“ dabei sein wollten.


So bat sie Ihren Vater sie nach Neuendettelsau ziehen zu lassen:

„Er sagte endlich, dass er mir nichts in den Weg legen wolle; ich solle es in Gottesnamen versuchen, ob ich zu diesem Beruf tauge.“
Frühjahr 1854 verließ Amalie Rehm Memmingen und ihr Elternhaus.Sie war 39 Jahre.

Pf. Löhe wollte „Menschen bzw. Frauen, denen er etwas zutrauen konnte“ und „hatte die einzelne, unabhängig arbeitende Schwestern im Blick“
Löhe sah die Diakonissen „als gleichberechtigte Arbeiterinnen für die Sache des Herrn und weniger als unmündige Kinder ihres Mutterhauses“ an. Er gestand ihnen
„ein gewisses Maß an selbständiger Entwicklung und Bildung“ zu.


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Der 27. Febr. 1854 war der Stiftungstag des „Vereins für weibliche Diakonie“. Der Name „Weibliche Diakonie“ sollte von vornherein klarstellen, hinzugezogen werden.

Am 17. März 1854 wurde Amalie Rehm
gemeinsam mit Caroline Rheineck und Helene von Meyer (aus Nürnberg, sie war übrigens die Enkelin, des Bibelforschers Johannes von Meyer) zu eine der drei Vorsteherinnen berufen. Diese drei Vorsteherinnen sollten an der Spitze stehen und den innersten Mittelpunkt des Ganzen bilden.

Am 9.5.1854 nahm die Diakonissenanstalt im ersten Stock des Gasthauses „Zur Sonne“ ihre Arbeit auf. Die Räumlichkeiten waren äußerst beschränkt und primitiv.

Trotz der engen Verhältnisse in der „Sonne“, lobte man die erste Zeit; „so wohl sei es der Diakonissenanstalt nie gewesen als in der Sonne“, so Pf. Löhe später.


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Die Unterrichtsfächer der Vorsteherinnen waren Schönschreiben (Pf. Löhe legte hierauf großen Wert), Biblische Geschichte, Rechnen, Hausarbeit, Nadelarbeit, sowie die Wiederholung des gesamten Unterrichts der Lehrer. Am 23.6.1854 wurde der Grundstein für das neue
Diakonissenhaus am höchsten Punkt im Ort gelegt, denn schon am Anfang war klar, dass eine andere Bleibe gesucht werden musste.
Am 12.10.1854 fand die feierliche Einweihung des Hauses statt nach nur nach dreimonatiger Bauzeit statt. „Einen solchen Fleiß und Eifer haben wir späterhin nicht wieder zu sehen bekommen“, so Prf. Löhe.


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Im August 1855 nach dem frühen Tod von Caroline Rheineck und dem
Ausscheiden von Helene von Meyer übernahm Amalie Rehm das Amt der
ersten Vorsteherin, die anderen beiden Stellen wurden nicht mehr besetzt.

Die ersten Zweigstellen entstanden: Memmingen Altdorf, Nürnberg, Hersbruck, Nördlingen.
Vom Mutterhaus haben alle Arbeitszweige der Diakonissen-
Anstalt ihren Ausgang genommen. Mit Erfolg baute sie im Mutterhaus das
Schulwesen (dreiklassiges Schulsystem) und die Krankenpflege aus.

Der Diakonissenfond wurde ins Leben gerufen: die Diakonissen erhielten Absicherung im Krankheitsfall und die Versorgung im Alter wurde sicher
gestellt.

In ihrer Zeit entstanden:
1855 die Blöden Anstalt, 1859 Bethaus, 1862 Rettungshaus, 1864 entstand die neue Blöden Anstalt, , 1865 Magdalenum, 1867 bzw. 1869 Männer- und Frauenhospital, 1877 Feierabendhäuser (Rheineckhaus und Rehmhaus)

02.02.1858 wurde Amalie Rehm als „Oberin der Diakonissenanstalt“ feierlich von Pf. Löhe eingesegnet, um ihre Reputation zu bestätigen undzu festigen. Insbesondere die Schwestern drängten darauf. Das bezeugt die Beliebtheit Amalies bei den Schwestern.

Die Aufgabenbereiche für Rektor, Oberin, Lehrschwester etc. waren genau in der Diakonissenanstalt geregelt. Der Rektor hatte die Umsetzung aller Beschlüsse der Muttergesellschaft und die Vertretung nach außen.

Die Oberin, die zusammen mit dem Rektor und dem Konrektor die Leitung der Diakonissenanstalt bildeten, sollte sich vor allem um die inneren Angelegenheiten kümmern: das Wohl von Haushalt und Küche, die Beaufsichtigung und Visitation der Schwestern im Diakonissenhaus Neuendettelsau und den angeschlossenen Zweigstellen .

Reisen

Oktober 1858 Pf. Löhe bringt seine Tochter zu einem Kuraufenthalt nach Cannes,
Amalie begleitet die Beiden, da sie besser Französisch sprach als Löhe. Nach der Rückkehr mussten die Schwestern englisch, italienisch und französisch lernen.

- Mai 1859 Reise mit Pf. Löhe über München nach Kempten und Lindau nach Zürich Lyon, zurück über Genf und Lausanne nach Freiburg,

- September 62 weilte sie in Memmingen und berichtete von einer Brandstifterin, die in eine Erziehungsanstalt eingewiesen werden sollte

20.09.1864 weilte sie in Kempten zur Visitation der Schwesternschaft, und einige Stunden zur Erholung weiter Besuch in Memmingen bei ihrer Familie Schwester Berta und ihren Brüdern, Treffen mit ihrer Jugendfreundin Sofie von Schelhorn,
einige Tage in Lindau (Kuraufenthalt) zurück nach Memmingen
Wenn sie in Memmingen weilte, wohnte sie meist bei ihrem Bruder, dem Apotheker Rehm in der Elefanten-Apotheke.

Amalie fühlte sich nur noch in Neuendettelsau zu Hause. Heimweh überfiel sie, sobald sie sich auf Reisen befand:

„ Diesen Morgen macht mir Herr Senior Küchle aus Steinheim einen Besuch, der mich freute. Er ist der Vater des Missionsschülers Küchle. Heute scheint endlich die Sonne wieder und erwärmt auch mich; ich war die letzten Tage etwas erkältet und nicht ganz wohl und lebe nun wieder auf. Heute sind es schon 14 Tage, dass ich Dettelsau verlassen haben und ich sollte wohl von meiner Rückkehr schreiben, aber die Meinen wollen noch nichts davon hören und ich möchte doch ein wenig frischer zurückkommen, als ich die letzten Tage war (ich war aber nicht krank). Die nächste Woche werden wir uns, so Gott will, doch wieder sehen, ich bin nirgends zu Hause als in Dettelsau.

Aus den Erinnerungen an einen Aufenthalt in Kempten im Jahr 1864:
„Wie schön war es da, die Berge lagen in herrlichem Glanze, gold und silbern schimmernd vor mir, über ihnen glänzten bald Mond und Sterne, ich konnte mich vom Fenster gar nicht trennen und sah hinaus in all diese Pracht. Aber Heimweh und einige Schwermut kamen nun mächtig über mich und ich konnte nicht anders, als in die stille Nacht hinaus zu weinen, denn alle meine Erinnerungen und Gedanken nahmen eine wehmütige Richtung. Doch musst ich mich endlich von meinen Sinnen und Denken losreißen und mich zur Ruhe legen. Da kam auch bald ein guter und tiefer Schlaf und ich erwachte um 5 Uhr gestärkt und erquickt. Da kam mir der Gedanke, dass nun ein Hauptgrund meiner Reise schon erfüllt sein, nämlich wieder Schlaf zu bekommen und ich getrost meine Rückreise nach Dettelsau wieder antreten könnte, was ich auch am liebsten getan hätte.

Visitation Memmingerberg (Klärung Verhältnisse in der Kinderrippe), Besuch in Steinheim.

1864: 10-jähriges Jubiläum der Diakonissenanstalt

1865 Teilnahme bei der Generalkonferenz der Diakonissenhäuser in Kaiserwerth in Vertretung von Pf. Löhe.
Diese Reise führte mit Kutsche, Bahn und einer Schiffsreise auf dem Rhein
nach Köln von dort mit der Bahn nach Düsseldorf weiter nach Kaiserwerth.

1866 Reise über Nürnberg nach München mit Pf. Löhe, um den Boden für eine neue Station zu bereiten. Ein Besuch bei dem Ministerpräsidenten, dem Fürst von Hohenlohe steht an.
Eine Audienz bei der Königin-Mutter Marie, der Witwe von König Maximilian II
und die Mutter des regierenden Königs, Ludwigs II (Märchenkönig).
Noch im gleichen Jahr begannen Neuendettelsauer Diakonissen in München mit der Arbeit auf der neu errichteten Station.


19.05.1871 „Die Arbeit der Diakonissen in den Spitälern und Lazaretten erklärt auch die feierliche Pflanzung der Neuendettelsauer Friedenseiche am Beginn der heutigen Altendettelsauer Straße durch die Oberin Amalie Rehm und dem Vikar Johannes Deinzer (in Vertretung Pf. Löhes, der bettlägerig ist) durchgeführt wird
(Neun Diakonissinnen, darunter auch die Diakonisse Sara Hahn wohnen am 18.1.1871 sogar der Proklamationsfeier des deutschen Kaisers im Prunksaal des Schlosses zu Versailles bei.)

Im Januar 1872 starb Pf. Löhe und stellte die noch junge Diakonissenanstalt vor schwere Aufgaben.
Während der Zeit bis zur Wahl eines neuen Rektors war ihre Erfahrung eine große Stütze für das Haus und die Schwestern.

18 Jahre war ihr Leben auf das Engste mit dem Leben Pf. Löhe`s verknüpft.

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Im Herbst 1872 wurde Pf. Friedrich Meyer aus Michelstadt/Odw. gewählt und übernahm die verwaiste Stelle des Rektors. Pf. Meyer war bereits zu Lebzeiten mit Pf. Löhe und Neuendettelsau verbunden.

02.07.1873 Visitation mit Rektor Meyer in Kempten, Memmingen, Lindau und Zürich (Einweihung eines Erholungshauses für die Diakonissen oberhalb Zürichs),
Rückkehr über Augsburg.

Ein Höhepunkt vom Alltag war sicherlich der Besuch der Königinmutter Marie von Bayern im August 1873:
„….endlich wehten zwei stattliche Carossen den Staub auf und brachten uns unsere Königin. Als dieselbe aufs Land gestiegen war, wurde ihr ein Blumenstrauß überreicht und wir sangen „nun danket all und bringet Ehr“.
Erst nach Kaffee trinken, der eingehenden Besichtigung der Einrichtungen und einem abschließenden Gottesdienst fuhr Marie von Bayern am Abend wieder weg:

Das Archiv Neuendettelsau berichtet folgenden Ausspruch der Königin Marie:

„Es war so schön, schade, dass ich schon wieder fort muss.“

1879 feierte man 25jähriges Jubiläum verbunden mit dem 25jähr. Das Amtsjubiläum der ersten Oberin Amalie Rehm wurde in engsten Kreis gefeiert.

13.07.1881 Reise nach Hohenschwangau und Leermos (Kuraufenthalt und Visitation).

20.07.1881 in Hohenschwangau

Den damaligen König Ludwig II. von Bayern lernte Amalie Rehm zwar nicht persönlich kennen, doch ist uns Folgendes in einem Brief an eine Mitschwester erhalten, den sie während eines Aufenthaltes in Schwangau verfasste:
„Seit der König hier ist, ist es viel unruhiger in unserer „Alpenrose“, es kommen viele Gäste (..), die auch hier unten ihren Aufenthalt haben. Den König sieht man nur abends 8 Uhr im geschlossenen Wagen hier wie im Winde vorüber fahren. Mittags 12 Uhr steht er auf, abends 6 Uhr speist er ganz allein, wenig und einfach, sagt man. Bis spät in die Nacht ist dann seine Arbeitszeit etc.

Tod

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Amalie Rehm litt zwar schon länger an asthmatischen Beschwerden, doch sie erfüllte trotz ihres Leidens ihre Aufgaben mit vollem Eifer und Freude aus.

Durch verschiedene Kuraufenthalte versuchte sie ihre Beschwerden zu lindern..

Nach 19tägigem Krankenlager starb sie am 11. März 1883 im Alter von 68 Jahren.

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Sie wurde auf dem Friedhof der Diakonissenanstalt zur letzten Ruhe gebettet.

Zahlreiche Beileidbezeugungen zeugen von der Verbundenheit mit ihrer Person und Anerkennung ihrer Leistungen siehe Akten-Rotuli)

Rektor Meyer würdigte die Verstorbene für Ihre Persönlichkeit und die Verdienste für die Diakonie. In ihrem Arbeiten war sie

„wahrlich nicht weich gegen sich selbst, hat vielmehr unter viel körperlichem Leiden und Schwachheit Jahre lang gearbeitet und erst dann die Arbeit niedergelegt, als es gar nicht mehr gehen wollte und sie am Zusammenbrechen war.(..)

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Zitat aus einem Nachruf; „Dass nämlich die die besten Frauen seien, von denen man nicht spreche.“

Sie wollte im Verborgenen dienen, nicht regieren – und dadurch übte sie einen großen Einfluss aus.

Amalie Rehm war also in einer Zeit, die für Frauen noch keine Führungsrollen vorgesehen hatte, in der Chefetage des großen Unternehmens Diakonie als Managerin in Vollzeit tätig. Nicht mit einem entsprechenden Gehalt, sondern in tätiger christlicher Nächstenliebe: Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.